Persönlich

Griechenland wird wiederkommen

Kalinichta -gute Nacht-, Hellas. Jetzt sieht es doch so aus als wäre das „Hilfsprogramm“ der Gläubiger am Ende. 5 Jahre sparen, 5 Jahre Tristesse ohne jede Wirkung gehen zu Ende. Ein privater Bürger wäre nun bald für schuldenfrei erklärt worden, Griechenland hat mehr als je zuvor und ein verarmtes Volk dazu, zudem Tausende Flüchtlinge, mit denen sie von Europa alleingelassen werden. Nennenswerte Reformen sind nicht bekannt. Es ist eine moderne griechische Tragödie. Zu mutlos waren die Griechen vielleicht, haben sich vom Sirenengesang der Troika einlullen lassen, vom IWF vereinnahmen lassen was rückblickend mehr als fragwürdig ist

(http://www.taz.de/!5207320/).

Man muss mit der Opfer Täter Suche sowieso nicht nur in Griechenland beginnen, auch ein Blick auf Deutschland lohnt sich

(http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/europa-sand-im-getriebe-1.2532119).

Griechenland hat sich sein eigenes Grab geschaufelt, aber gerade die erste Reihe Europas hat fröhlich mitgeschaufelt.

Klar ist: Griechenland braucht ein modernes Staatswesen und eine funktionierende Verwaltung. Zumindest letzteres hatte es nie. Myriaden von zugeschacherten Beamtenposten wabern durch die Republik, ohne je sinnvoll eingesetzt zu werden. Wenn die 768.000 (http://www.welt.de/reise/article8729748/Das-kleine-Griechenland-hat-768-000-Beamte.html) Staatsbedienstete wenigstens innovativ und effektiv gewesen wären. Stattdessen war die griechische Verwaltung berühmt für die unendlichen Formulare und Genehmigungen die für jedes und alles nötig waren. Und die Steuermoral, oje, ein weites Feld. Wenn die Griechen ihr geheimes Auslandsvermögen versteuern würden, sie wären nahezu schuldenfrei.

Und keiner kann mir erzählen dass Griechenland nicht innovativ und modern sein könnte. Wer sich durch das Land bewegt sieht einige Alte auf Baststühlen dösen und viele Junge mit modernster Technik am Nabel der Zeit, sehnsüchtig nach Fortschritt. Aber wenn 768.000 Beamten satt den Staatshaushalt auffressen ist es halt schwer mit Fortschritt. Es gibt keine private Universität in Hellas, mehr muss man nicht wissen über die Chancen der Jugend. Und es war noch immer die Jugend die Treibstoff jeder Revolution war.

Nun also pleite. Pleite als Chance muss man hoffen. Natürlich werden die nächsten Monate schlimm, insbesondere der Winter, wenn die zahlenden Touristen weg sind. Die Bürger werden leiden, das ist unendlich traurig.

Dann wird es spannend sein ob die Griechen aber tatsächlich die EU und den EURO verlassen werden. Vieles spricht dafür das sie es tun, zu verlockend sind die volkswirtschaftlichen Möglichkeiten via Zölle & Steuern den Export und den BIP positiv zu lenken. Die Flüchtlinge würden -bis auf ein humanitäres Mindestmaß- weitergereicht werden ins reiche Europa. Ein großer Schuldenschnitt wäre eine Befreiung. Allein die isolierten Banken stünden blank da, Europa müsste zumindest für eine gewisse Zeit mit Transfers die größte Not lindern, damit Krankenversorgung, Renten und Ernährung stabil gewährleistet werden könnten. Das ist Europas Verantwortung. Viel besser wäre es natürlich gewesen einen Marshall Plan für Griechenland zu entwickeln, was billiger und nachhaltiger gewesen wäre. Nun bleibt nur noch der Scheidungsunterhalt.

Den Griechen wünsche ich jetzt Mut. Endlich können sie wie Norwegen nach Erdöl suchen und sich mit den Nachbarländern auf eine Förderung einigen, ohne dass die EU mitreden kann (http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/eurokrise/griechenland/vertraege-unterzeichnet-griechenland-hofft-auf-oelvorkommen-12939113.html),

private Unis zulassen und sich modernisieren. Sie dürfen nicht nachlassen mit den ersten zarten Reformen beispielsweise ein Katasteramt aufzubauen. Zu wissen, wem gehört ein Grundstück ist nicht spießig sondern Ausdruck von souveränen Staatshandeln. Sie müssen das Volk entscheiden lassen was gerecht ist: die reichen Reeder weiter mit Nullsteuerm verschonen? Wirklich immense Immobiliensteuer erheben in einem Land wo Immobilien Teil der Altersvorsorge sind? Warum nicht vorangehen und das Land digitalisieren, Steuerzahlungen und Belegerfassung vereinfachen? Warum nicht eine Sonderwirtschaftszone zulassen, die steuergünstig und verwaltungsfreundlich Start-Ups aus aller Welt anzieht zB im hippen Thessaloniki

(http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-04/thessaloniki-krise-griechenland-yannis-boutaris)?

Es ist einiges denkbar in diesem wunderbaren Land mit diesen wunderbar freundlichen Menschen. Griechisches Licht ist blau, tiefblau und seligmachend. Ich wurde mal spontan auf eine Hochzeit eingeladen, mitten auf einer griechischen Insel. Es war ein wunderbares Erlebnis und ein wunderschönes Fest. Am Ende des Abends wusste ich was Gute Nacht heißt. Kalinichta, Hellas. Mögest du bald wieder blühen.

Nächste Sendung 24. Juli 2014

Heute bleibt der Äther still:

Das Kind hat wieder mal irgendwas aus der Kita angeschleppt (immerhin hört die Krankheit auf die lustig-positiv Endung „lach“ auf… hohoho hahaha), die Weltmeisterschaft hat mein Schlaf- und Ruhepolster auf Jahre ruiniert (statt um 22-23 Uhr über drei Wochen um 1-2 Uhr ins Bett, wer Kinder hat, weiß: das sind Schmerzen!) und die Hitze, diese Hitze!

Wie soll man da senden.

Ich sehe, ihr versteht.

Bis dann.

Anwaltshölle, Anwaltshimmel

Eigentlich soll dies ja ein reiner Podcast-Stream sein. Und eigentlich ist erst nächsten Donnerstag wieder „Sendung“. Aber die Unberechenbarkeit ist eben Stilmittel von uns Anwälten, also blogge ich heute mal über etwas, was mir seit jeher auf der Seele liegt: Die Moral. Oder: die Moral der Anwälte.

Vor einigen Tagen erschien ein -in dieser Offenheit seltener- Artikel in der Welt.

Hier: http://www.welt.de/politik/deutschland/article129330014/Enormes-Qualitaetsgefaelle-bei-deutschen-Rechtsanwaelten.html

Er beleuchtet das seit jeher bekannte Problem des überschwemmten Anwaltmarktes aus einer, wenn nicht sogar DER wichtigsten Perspektive: der Kundensicht (oder anwaltsdeutsch: „Mandantensicht“).**

Die armen Kunden, die möglicherweise zum ersten Mal in ihrem Leben einen Anwalt/eine Anwältin (bitte die feminine Form immer mitdenken, danke!) aufsuchen, oder die Kunden, die der Staat zum Anwalt treibt, rennen blindlings zum erstbesten Anwalt und sind dem auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Das ist aus dreierlei Sicht problematisch:

1. Die Chance, an einen schlechten Anwalt zu geraten, ist hoch.
2. Die Chance, dies zu erkennen, ist sehr gering.
3. Die Chance, vorab aus dem „Mandatsverhältnis“ auszusteigen, ist gleich null.

1. Schlechte Anwälte
…gibt es, wie es schlechte Politiker und schlechte Bäcker gibt. Der Welt-Artikel nennt konkreten Zahlen: 27% erreichen nur ein „ausreichend“. Macht das einen schlechten Anwalt? Mit Sicherheit nein. Warum? Um dies zu beurteilen ein kleiner Exkurs in Sachen „Examen“:

Juraexamen, das:
Zunächst muß man unterscheiden zwischen dem 1. Staatsexamen und dem 2. Staatsexamen. Das erste ist ein reines Uni-Examen und setzt drei Dinge voraus: Fleiß. Fleiß. Ganz bisschen juristisches Talent. Ich zB habe 3 Monate auswendig gelernt. Von morgens bis abends. 10 Aktenordner voll und 400 Karteikarten. Zum Prädikatsexamen reicht das niemals (so auch bei mir). Unter 6 Monaten durchlernen ist da nichts zu machen. Wer sich hier durchbeißt und das Prädikat schafft, hat schon die halbe Miete in Sachen Berufseinstieg.
Im zweiten Examen wird es leichter. Denn in den Prüfungen dürfen die sogenannten Kommentare, also die juristische Fachliteratur, genutzt werden, in denen die meisten Definitionen, die die Juristen anwenden müssen, bereits enthalten sind. Die Crux kommt mit der Dichte der Prüfungen: 8 Klausuren binnen 2 Wochen a 4-5 Stunden in allen Rechtsgebieten. Wer da nicht sofort das Prüfungsschema eines Führerscheinentzuges -aka „einstweiligen Verfügungsanordnung gem. § 80 V VwGO“- abrufen kann wird sich schwertun, binnen 5 Stunden einen sachverhaltsbezogen guten Bescheid eines Landrates zu erlassen, zudem alle juristischen Fachdiskussionen einfließen zu lassen und das alles auch noch formal einwandfrei.

Ich erinnere mich noch zu gerne an meine 8 Klausuren, besonders an die Strafrechtsklausuren: nachdem ich tagelang auswendig gelernt hatte, welche Kürzel brandenburgische Staatsanwälte unter eine Verfügung schreiben müssen („U.m.A“ „wvlmA“ „wegl.“) oder wie man eine Verhaftung formuliert, sowie topvorbereitet war auf Anwaltsklausuren und materielles Recht: kam eine Richterklausur. Wir sollten ein Urteil schreiben. Dort ging es um das Aufdröseln einer Schlägerei, Zeugenaussagen, Gegenaussagen, Handlungstheorie, das ganze Programm. Es war die schlechteste Klausur meines Lebens.

Fazit: Ein gutes Examen hat, wer fleißig ist. Wer zusätzlich noch juristisches Talent hat, schafft sogar ein sehr gutes Examen (>10 Punkte).

Auch mit einem „ausreichend“ kann man ein guter Anwalt, eine gute Anwältin sein. Allerdings eben nur in den Gebieten, in denen man sich spezialisiert und Praxis erwirbt.

Die Kunst ist die Selbsterkenntnis, welches Gebiet man eben n i c h t beherrscht.

Es gibt Anwälte, die sind tolle Strafverteidiger, andere wiederum bearbeiten exzellent Scheidungen und Ehesachen. Ein durchschnittlicher Anwalt unterscheidet sich von einem Top-Anwalt im Grunde nicht. Nur dass die Gebiete der Top-Anwälte eben deutlich anspruchsvoller sind: einen 400seitigen D & O Vertrag auf englisch verfassen ist etwas anderes als einen Owi-Bescheid wegen 5km/h zu schnellen Fahrens anzugehen. Wobei der Top-Anwalt an einem schlechten Tag daran sogar scheitern könnte.

Wir lernen: ein schlechter Anwalt ist ein Anwalt, der Rechtsberatung in einer Rechtsmaterie anbietet, in der er nicht 100% zu Hause ist.

Aus meiner Praxis kann ich den WELT-Artikel in einer Sache leider bestätigen. Gerade in Ein-Mann-Kanzleien (ich habe selbst eine, ähem) sieht man hanebüchene Dinge: Einlassungen des Anwaltes in Strafsachen bei der Polizei (!) VOR Akteneinsicht. Schadenersatzklagen in Verkehrsunfallsachen bei völlig unklarer Sachlage und nach schon 4 Wochen. Herausgabeklagen, obwohl nicht mal eine Mahnung mit Fristsetzung vorlag. Den Vogel abgeschossen hat ein Anwalt, der eine Solarfirma verklagte, dass die Firma ein ganz bestimmtes Modul auf dem Dach montieren solle statt ein anderes bereits montiertes, welches einwandfrei funktionierte. Richtig wäre gewesen: Minderung des Kaufpreises oder meinetwegen Ersatzvornahme nach Vorschuss. Nach 2 Jahren sinnlosem Prozess war die Firma pleite und der Kunde so schlau wie zuvor, aber 3.000 EUR Anwaltskosten ärmer.

Die Chance, an einen Anwalt zu geraten der im Grunde von dem Problem was ich habe keine Ahnung hat, ist aber auch deswegen relativ hoch, weil die Top-Kanzleien solche Mandate in der Regel aber auch gar nicht annehmen. Was bleibt dem Bürger also übrig? 300 EUR Stundenlohn für einen Top-Anwalt zahlen wegen der fehlerhaften Betriebskostenabrechnung über 600 EUR?? Wohl kaum. Natürlich gehe ich dann zum Anwalt in die Fußgängerzone.

2. Schlechte Anwälte erkennen
…ist zudem unmöglich. Es ist ein Leichtes für einen Juristen mit ein, zwei juristischen Fachbegriffen zu glänzen und den Laien zu beeindrucken. Dann hängt noch die schicke Robe an der Garderobe und der Ledersessel glänzt: zack, ist man verloren.

3. Dann kündige ich halt!
..geht zwar, kostet aber. Denn der Anwalt hat bereits mit dem ersten Schreiben, ja meist sogar mit der ersten Beratung seine komplette „Gebühr“ verdient. Zwar gibt es die theoretische Möglichkeit, diese Gebühr zu mindern, jedoch ist das aufwändig und ohne Hilfe eines anderen Anwaltes so gut wie unmöglich. Besonders gefährlich ist es übrigens, dem Anwalt über Maßen „Druck“ zu machen oder gar ihn anzugehen oder zu beschimpfen. Dann darf der Anwalt das Mandat wegen „Erschütterung des Vertrauensverhältnis“ kündigen. Und die Gebühren behalten.

Die Moral der Anwälte, um den Bogen zur Einleitung zu schlagen, ist also ganz menschlich. Es gibt Menschen die andere Menschen ausnutzen, es gibt welche, die sich einen Vorteil verschaffen. Anwälte sind auch nur Menschen. Der eine kommt in die Hölle, der andere in den Himmel.

Die gibt es nämlich auch, die Anwälte die in den Anwaltshimmel kommen. Aber diese Geschichte, die erzähle ich ein anderes Mal.

**Die Exzesse, die der WELT Artikel beschreibt, sollen hier kein Thema sein. Ich persönlich finde es auch legitim, wenn ein einzelner Anwalt 5300 Mandate mit Hartz IV Kunden „abgreift“. Denn Fakt ist ja: wenn 1/3 der Bescheide falsch sind, ist Rechtsberatung naheliegend. Und der Anwalt wird sogar, auch wenn der Artikel anderes suggeriert, gute Arbeit abliefern, da bin ich mir sicher. Denn wer wenn nicht er ist Spezialist in Hartz IV Sachen, als ein Anwalt, der sich nur damit beschäftigt. Da gibt es nichts kritikwürdiges dran.