Hamburg im Regen

Hamburgs Justiz hat gestern eine Mutter wegen Mordes an ihrem eigenen Kind (3) zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt.

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/hamburg-mutter-der-toten-yagmur-wegen-mordes-verurteilt-13285152.html

Der Richter fand dabei klare Worte für Hamburgs Behörden, die auf ganzer Linie versagt haben und es noch immer tun.

Für wohl jeden der sich mit den Details dieses Falles beschäftigt ist das ganze Ausmaß der Grausamkeit und des Leides kaum vorstellbar. Ich schaffe es nicht ohne Tränen in den Augen an dieses arme Mädchen zu denken, ohne Geschwister, ohne Hoffnung und ohne Schutz durch die, die es eigentlich lieben sollten, langsam umgebracht durch einen Leberriss. Es ist eine Tragödie.

Die ganze Tristesse die diese Stadt in dunklen Novembertagen mit nebliger Dunkelheit verströmt, wenn die roten Klinkersteinhäuser sich traurig in den Regenpfützen spiegeln, sie wird hier schmerzlich offenbar. Ein Mädchen ist still gestorben und Hamburg? Schert sich nicht um die sozialen Probleme, genauer: Hamburgs Behörden.

Als wäre der Fall Chantal nicht schon unfassbar gewesen, versagt die Stadt erneut und es gehört nicht viel dazu sich vorzustellen: es wird wieder passieren. http://www.spiegel.de/thema/fall_chantal

Hamburg, ehedem lange -Jahrzehnte- mehr oder weniger erfolgreich SPD geführt, bekommt die Quittung für jahrelanges Versagen, Sparen und ein offenbar snobistisches Denken der eigentlich längst vergessenen Pfeffersäcke. Es ist kein Zufall, dass in einer Stadt, in der Law-and-Order Mentalität a la Ronald Schill jahrelang den Senat mitbestimmen durfte, für die Armen und Schwächen nichts tut und dreijährige Mädchen trotz eindeutigster Hinweise einen grausamen Tod sterben müssen. Viel schlimmer geht eigentlich nicht.

Hamburgs sozial benachteiligte Kinder werden allein gelassen

Hamburgs Kinder leben in zwei Welten. Es gibt die privilegierten -es sei ihnen gegönnt- in Blankenese und Eppendorf, die auf der „Hegepenne“ oder der feinen katholischen Sophie-Barat-Schule einer gut situierten Karriere in väterlicher Steuerkanzlei entgegensehen. Es gibt aber auch vergessene Stadtteile, wie Mümmelmannsberg oder Kirchdorf-Süd, geprägt von hohen, tristen Plattenbauten, die sich entweder selbst helfen müssen oder untergehen, die hoffnungslos sind, weil das Einzige, was in der Jugend Hoffnung geben könnte versagt, ja versagen muss: die Schule. Weil die Schule die Menschen nicht mehr erreichen kann. Die sozialen Defizite dieser Bürger, dieser Familien sind zu groß, als das eine engagierte Schule und engagierte Lehrer dies alleine ausbügeln können

http://www.youtube.com/watch?v=Ew8frW54XGU

Diese Probleme kann nun jede größere Stadt von sich berichten, aber warum sterben in Hamburg die Kinder?

Zu wenig Personal und falsches System

Das Gesetz sieht in § 42 KJHG vor, dass Kinder in Obhut genommen werden können, wenn das Wohl des Kindes gefährdet ist. Dies sogar ausdrücklich gegen den Willen der Eltern.

Das Jugendamt ist berechtigt und verpflichtet, ein Kind oder einen Jugendlichen in seine Obhut zu nehmen, wenn
1. das Kind oder der Jugendliche um Obhut bittet oder
2. eine dringende Gefahr für das Wohl des Kindes oder des Jugendlichen die Inobhutnahme erfordert und
a) die Personensorgeberechtigten nicht widersprechen oder
b) eine familiengerichtliche Entscheidung nicht rechtzeitig eingeholt werden kann

http://www.gesetze-im-internet.de/sgb_8/__42.html

Allerdings ist diese sichernde Obhut maximal einen Tag möglich, dann muss eine familienrichterliche Entscheidung her (Absatz 5). In Hamburg ist für diese Einsätze der „Kinder- und Jugendnotdienst“ zuständig, eine Institution der Behörde, die an der Feuerbergstraße gelegen ist. Die Sozialpädagogen des Kinder- und Jugendnotdienstes sind 24 Stunden täglich in Bereitschaft und fahren in die „Brennpunkte“ dieser Stadt und müssen die Obhutsentscheidung gemäß § 42 KJHG nach ihrem Ermessen treffen.

Die meisten Einsätze sind situationsbedingt und erfordern keine langfristigen Maßnahmen: besoffene Eltern, streitende Eltern oder -der häufigste Fall- Kinder, die einfach von zuhause abgehauen sind. In einigen Fällen muss das Jugendamt tätig werden: dann ist das Sorgerecht zumindest vorübergehend in Gefahr und die Kinder müssen für einige Zeit zu einer Pflegefamilie. Sind die Eltern dagegen, muss eine richterliche Entscheidung her, und dies ist in der Kürze der Zeit oft schwierig. Immerhin ist bei jeder Verhandlung sichergestellt, dass die Jugendhilfe/das Jugendamt anwesend ist und dem Gericht bei der Entscheidungsfindung hilft. Die Familiengerichte -meist Einzelrichter- sind -und das ist auch gut so- äußerst elternfreundlich. Es reicht eben nicht aus, dass es dem Kind nicht sonderlich zuträglich ist, zwischen Bierbüchsen und Katzenkot Hausaufgaben machen zu müssen. Das Kinder und Jugendhilfegesetz will keine Chancengleichheit oder gar „Besserung“ der Eltern erreichen: es ist in diesem Fall ein Schutzgesetz, das nur in äußersten Notfällen in das Schicksal des Kindes eingreift.

Pfiff e.V.

Hamburgs Problem´ist aber nicht der Kinder- und Jugendnotdienst, Hamburgs Problem ist die Pflegefamilien-Politik. Personalmangel und Angst vor der eigenen Courage haben zu dem geführt, was wir heute haben. In Hamburg handelt der Pfiff e.V.  im Auftrag und zum großen Teil von der Sozialbehörde finanziert. Pfiff e.V. sucht die Pflegefamilien aus, überwacht sie und berichtet an die Jugendämter. Ein Blick auf die Teamseite zeigt schnell: da arbeiten sicherlich engagierte und tolle Menschen, ausgebildete Sozialpädagogen.

http://www.pfiff-hamburg.de/

Das Problem ist, sie dürfen nicht handeln, weil die Politik sie nicht lässt und weil die Baustellen zu groß sind. Das Problem sitzt im Hamburger Rathaus.

In der Vorbereitung zu einem der nächsten Podcasts habe ich vor einigen Wochen ein paar Stimmen sammeln können. Ich zitiere:

Ich war Pflegemama eines dreijährigen Mädchens. Es waren insgesamt drei Geschwister, in drei Pflegefamilien. Es ging darum: sollen die Kinder zur Großmutter -die Mutter war drogenkrank und keine Option- die selbst in desolaten Verhältnissen lebte, im Dreck? Wir drei Pflegemamas hatten uns am Tag zuvor vor Ort ein Bild gemacht. Es war schrecklich. Es gab nichts, keine Kindersachen, nur Chaos und Unordnung. Unmöglich für gleich drei Kinder. Wir sollten dann angehört werden und fuhren zur Anhörung. Wir mussten vor der Tür warten. Man rief uns irgendwann rein. Wir durften nichts sagen. Man teilte uns mit: „Die Anbahnung geht weiter, die Kinder sollen zur Großmutter.“ Wir sind so empört gewesen, es war schlimm. Das Mädchen musste dann wenige Wochen später tatsächlich zur Großmutter.

Es ist zu fragen, ob das Wohl der Kinder und vor allem der gesetzliche Auftrag, die betroffenen Familien zu unterstützen, ernst genommen werden. Dieser Auftrag lautet:

Das Jugendamt hat (…) Möglichkeiten der Hilfe und Unterstützung aufzuzeigen. (§ 42 Absatz 2 KJHG)

Wie soll das möglich sein, wenn zuwenig Personal eingesetzt wird, wenn die Sozialarbeiter sowieso nur zu den allerschlimmsten Notfällen ausrücken, wenn die Kinder selbst in gewalttätige Familien zurückgegeben werden müssen, weil es an adäquaten Betreuungsmöglichkeiten, an Pflegefamilien fehlt und sozialer Dienst in den Familien Luxus ist, für das niemand Zeit hat?

Pfiff e.V. ist hierbei noch der geringste Vorwurf zu machen, doch der Systemfehler ist immanent. Eine Institution, die keinen Einfluß auf ihr Budget hat und von den Entscheidungsträgern in den Behörden letztlich abhängig ist, kann keine unabhängige Institution sein. Zitat Pfiff:

Die gesunde und chancenreiche Entwicklung des Kindes steht im Fokus unseres täglichen Denkens und Handelns. Das Kindeswohl zu entwickeln, zu fördern und zu erhalten ist unser Ziel. Hamburg, 12.03.2014

Das sind hehre Ziele, doch sie nützen nichts, wenn die Sozialarbeiter der Sozialbehörde Pfiff Weisungen erteilen dürfen. Und die Sozialbehörde ihrerseits nicht anders kann als das Elend zu verwalten, weil die Politik gleichzeitig Stellen abbaut und überlastete Sozialarbeiter und Sozialpädagogen die sozialen Problemen der Stadt so im Alleingang lösen müssen. Und so greift Pfiff dann eben zu ehemaligen drogenabhängigen Familien wie im Fall Chantal oder wie im jetzigen Fall zu einer Pflegemutter, die das getötete Mädchen so heftig schüttelte, dass sie selbst mögliche Verletzungen einräumte. Es ist ein Skandal.

Soziale Brennpunkte gewinnen keine Wahlen, sondern verlieren sie

Eins ist klar: es muss ein Ruck durch die Stadt gehen. Es muss Personal vorhanden sein, um Pflegefamilien zu schulen (jetzt: drei Wochen). Es muss Personal vorhanden sein, um die betroffenen Familien zu fördern, zu begleiten, Hilfe zu schaffen und zu bieten. Warum nicht ein Aufruf des Bürgermeisters an die vielen Familien der Mittelschicht: engagiert euch! Ein Pflegekind für ein paar Tage oder Wochen ist eine Bereicherung. Gebt etwas zurück! Liebe Familien, ihr könnt soviel tun! Das erwarte ich von einem Bürgermeister. Aber das kommt -gerade in Hamburg- nicht gut an (remember: Schill). Es bringt niemanden eine Stimme mehr, niemand kann sein soziales Antlitz mit sozialen Problemen schärfen, nur verlieren. Deswegen schweigen Ahlhaus, Beust und Scholz. Weil es sich nicht rechnet, sozial zu sein.

Doch die Quittung sind wachsende soziale Probleme und vorallem: tote Kinder. Dreijährige Mädchen mit über 80 Hämatomen.

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/yagmur-prozess-rechtsmediziner-klaus-pueschel-schildert-verletzungen-a-979519.html

Das Problem ist, dass ein Mädchen tot ist. Drei Jahre alt.

Das Problem ist eine Politik, die wenn sie schon nicht den Mut hat, alle Bürger ins Boot zu holen, nicht einmal den Anstand hat, die entsprechenden Stellen still und leise mit entsprechenden Ressourcen auszustatten.

Das Mädchen, das gestorben ist, hieß übrigens Yagmur, „Regen“. Die Wolken hängen tief in Hamburg, ganz tief.

Wie es hier weitergeht

Das Podcasten ist schon super. Themen gibt es genug, andere juristische Podcasts sind weiterhin Mangelware (irgend eine/r muss es doch machen!) und die Technik läuft zu meinem Erstaunen auch ganz okay. Nur die Zeit… Ich habe unterschätzt, wie zeitaufwändig die Recherchen und Anfragen bei Interviewpartnern ist. Das ist nur sehr selten kompatibel mit meinem Job und meiner Familie.

Ich habe mich daher entschlossen, vom regelmäßigen Format zu einem unregelmäßigen Format zu wechseln: statt alle zwei Wochen zu senden (auch wenn es nichts zu sagen gibt) sende ich lieber selten, aber dafür inhaltsschwer. Weniger ist mehr.

Dafür blogge ich aber hin und wieder zu aktuellen Themen, wenn es sich anbietet. Dies wird zum Beispiel gleich morgen der Fall sein. Eins kann ich schon jetzt verraten: das wird harte Kost.

Grüße!