Wer wir sind – Deutschland in Zeiten von Pegida

Pegida – Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes – ist eigentlich zu dämlich und fremdenfeindlich, um darauf einzugehen, und doch so ernstzunehmen, dass Zeitungen und Fernsehsender hilflos versuchen, das Phänomen zu ergründen. Es ist dunkel geworden in Deutschland.

Nun, eigentlich ist über Pegida alles gesagt (wer noch Bedarf hat: siehe unten, die Tweetzusammenfassung), aber mich läßt es nicht ruhen, also muss es hier raus.

Himmel, WIE konnte Pegida passieren?

Klar, die Schnelldenker wissen gleich, die Politik ist schuld. Die Politik, die den Bürger nicht ernst nähme. (http://www.welt.de/politik/deutschland/article135348895/Pegida-ist-ein-Ventil-fuer-kleinbuergerliche-Aengste.html)

Das ist richtig und falsch zugleich und in der Tat hat sich „die Politik“ Vorwürfe zu machen, doch dazu später mehr.

Schauen wir zunächst auf die Fakten. Und die sind entsetzlich.

Fakt ist nämlich: wir sind alles fremdenfeindliche Nazis. Huch, wir!? Ja, wir! Denn unser Kredit ist schon längst aufgebraucht. Solingen und Mölln sind lange her, die nächste Generation zündelt nun wieder und trägt ihren Hass auf die Straße. Und dieser Hass ist besonders gefährlich, denn es ist der stille Hass, der Hass unserer Großväter und Großmütter, der bereits einmal zum Genozid geführt hat, der offensichtlich immer noch in uns schlummert und jederzeit wieder aus dem Dresdner Rattenloch kommen kann. Es ist dieser stille Hass, diese gefährliche Mischung aus tristem Alltag, mäßiger Bildung und offenbar ur-deutschen Ressentiments gegen Fremde. Es ist der Handwerker von nebenan, der normale Bürger, der insgeheim denkt „Scheißtürke“, „Scheißislam“ und „alle weg“. Es gibt natürlich keiner zu. Aber es ist jetzt zu sehen, in Dresden. Gestern waren es 15.000, die bei 6 Grad und leichten Regen durch Dresden liefen, im Dezember 2014. Das ist verdammt viel.

Und wir, die es JETZT dulden, dass Woche für Woche Zehntausende Menschen in Biedermann und die Brandstifter Manier durch die Straßen laufen sind mitschuldig und Beihilfe-Nazis. Denn der Kredit von Mölln, wo sich die Zivilgesellschaft den Verbrechern entgegengestellt hat, ist nun verbraucht. Den Zulauf von 15.000 Menschen können wir als Zivilgesellschaft nicht hinnehmen. Die Zivilgesellschaft muss jetzt handeln, sonst wird sie zum Mitläufer. Es reicht nicht aus mit dem Finger auf Pegida zu zeigen.

https://twitter.com/jensbest/status/544630596237271042

 Doch unabhängig davon bleibt dennoch die Frage, warum? 

Meine Antwort ist: wir Deutschen sind krank. Fremdenkrank. Natürlich gilt das nicht für alle, es gibt wahrlich genug Initiativen, die integrieren, die über den Tellerrand schauen, die Zuwanderer als Geschenk empfinden. Wer einmal Gastfreundschaft in fremden Ländern erfahren durfte, weiß Menschlichkeit zu schätzen, jenseits von Hautfarben und Besitztümern. Was gibt es Schöneres, als Freiheit, Nächstenliebe und Toleranz, hier und auf der ganzen Welt? We are all one! Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, leider nur für einen kleinen Teil. Oder einen großen? Who knows.

Gastfreundschaft, wahrscheinlich das letzte was man mit einem „typischen Deutschen“ assoziiert, gibt es in zwei Varianten: die sozial erworbene und die erlernte. Die sozial erworbene ist die natürliche Gastfreundschaft, die es in so vielen Völkern dieser Erde gibt, (Beispiel: ein Reisebericht aus dem Iran http://lassrollen.tumblr.com/page/43) und die jedenfalls wir NICHT unser Eigen nennen können. Wenn überhaupt verfügen wir über erlernte Gastfreundschaft, fußend auf Bildung und Kenntnis der Geschichte, insbesondere der Judenvernichtung. In meiner Generation, also Söhne und Töchter der 68er, sowie Freunde der Kinder der türkischen Erst- und Zweiteinwanderer, gehört es zum guten Ton sich weltoffen und tolerant zu zeigen. Dies gilt aber für die Generation dahinter schon nicht mehr. Dort herrscht im besten Fall Gleichgültigkeit, im schlechtesten Fall wählt man hart rechts: 15% der unter 35jährigen wählen NPD oder AfD. http://www.statistik.sachsen.de/wahlen/lw/lw2014/presse/lwl3714.pdf

Bei der Suche nach dem „Warum“ kann man viel aufzählen.

Natürlich hat die Politik versagt, weil sie Einwanderung und Integration immer ignoriert hat, von Förderung ganz zu schweigen. Mit schlechten Themen gewinnt man keine Wahl, man verliert sie nur. Natürlich hat die Zivilgesellschaft versagt, weil sie es sich gemütlich gemacht hat, es gibt ja auch wichtigere Themen, Terror zum Beispiel, oder Flughäfen, die nicht gebaut werden. Hey, solange der Ali nicht brennt passt das schon! Die ertrinkenden Flüchtlinge im Mittelmeer, puh, schlimm, da müsste mal jemand was machen, vielleicht die italienische Marine, aber – oh, ein iPhone! Und das Ganze krönen tut der „Verfassungsschutz“, der jahrelang „Aktenvermerke“über den NSU anfertigt, statt Morde zu verhindern.

Aber über all dem steht unsere offenbar kranke deutsche Seele.

Wie anders ist es zu erklären, dass der typische deutsche Vorgartenbesitzer so nichts, aber auch gar nichts von der Welt jenseits des Jägerzauns wissen will? Hinter jedem Kopftuch einen Feind vermutet, die Welt jenseits des Pfarrers oder Metzgers nicht versteht? Ist es nur Unkenntnis, oder ist es pathologisch? Ist es vielleicht nur fehlende Bildung? Nein. Unsere Geschichte läßt keine Ausreden zu, selbst Willi Müller weiß: Wir haben Menschen umgebracht und es war falsch. Aber Willi Müller denkt insgeheim offenbar: ein bisschen Patriotismus kann schon nicht schaden, und unsere Arbeitsplätze! Wir – oder zumindest ein nennenswerter Teil von uns- sind fremdenkrank.

   Die Krankheit ist da. Wie geht sie bloß wieder weg? 

Nein. Unsere Fremdenkrankheit geht nicht mehr weg. Es ist wie HIV. Man kann den Virus nicht besiegen. Man kann die einfältigen Prolls mit ihren „FreiWild“ verzierten Golfs, die Biederen und die RTLisierten Dumpfbacken nicht zu toleranten Demokraten machen. Aber man kann -wie bei HIV- den Rest der Gesellschaft stärken. Wir müssen die Zivilgesellschaft stärken, Freiheit und Toleranz, gerne auch offene Diskussionen über den „Islam“, aber es müssen Vitamine her, Mineralstoffe, das ganze Programm.

Ich naives kleines Licht glänze mal mit Vorschlägen:

Klar neige auch ich Linuzifers Vorschlag zu:

Doch im Ernst:

Bereitschaft, ein Einwanderungsland zu sein

Es braucht weniger eine Auseinandersetzung mit „dem Islam“, sondern vielmehr die Bereitschaft und Offenheit, ein Einwanderungsland zu sein. Das dies übrigens volkswirtschaftlich notwendig ist, dürfte ja auch keiner in Zweifel ziehen. Die politische und gesellschaftliche Elite muss sich stark machen für diesen Gedanken und sodann umsetzen. Es gab und gibt jetzt schon Ansätze, sei es Wulffs grandiosen (aber dann abgebrochenen) Vorstoß „Islam gehört zu Deutschland“ oder sei es der Tag der offenen Moscheen http://www.tagderoffenenmoschee.de/ Zum Tag der offenen Moscheen muss dann eben die Kanzlerin hin und alle Ministerpräsidenten gleich mit, jeweils in ihren Ländern. Es muß einen Integrationspreis geben, meinetwegen eine schmalzige „Einwanderer des Jahres-Show“ mit Konfetti und Helene Fischer als Stargast.

Die Politik muss sich überlegen, wie sie Einwanderungsland definiert. Schauen wir in die USA: dort gibt es die jährliche GreenCard Lotterie. Und dort bewerben sich nicht die gefürchteten „Sozialschmarotzer“ sondern vorallem hochqualifizierte motivierte Menschen, wie auch bei uns http://www.spiegel.de/politik/ausland/bulgarien-fachkraefte-und-die-zuwanderung-nach-deutschland-a-942622.html

Die Einwanderungspolitik in Deutschland und Europa ist ja aber sowieso ein Desaster, Italien und Griechenland können ein Lied davon singen. Statt Menschen mit Bildung und Motivation eine Chance zu geben herrscht in Deutschland Feindseligkeit und Bürokratie, werden die Probleme unter den Teppich gekehrt und die Politik hält die Fresse, es könnte ja Stimmen kosten (15%, wir erinnern uns; oder hier: Umfrage 78% der BR-Fernsehgucker wollen keine bulgarischen Ärzte http://www.br.de/fernsehen/bayerisches-fernsehen/sendungen/kontrovers/offene-grenzen-eu-europawahl-100.html.

Es muss die Erkenntnis her, dann das Bekenntnis und dann Mut zur Umsetzung. Mut zum Einwanderungsland und Mut, sich damit auseinanderzusetzen, was das für uns heißt und was wir eigentlich von den Einwanderern wollen und was die von uns wollen. Das könnte man doch mal drüber nachdenken.

Bildung jenseits der verlorenen Generation

Es muss uns klar sein: die Generation zwischen 20 und 40 ist schon jetzt verloren (siehe Wahlergebnis oben). Die Generation über 50 hat eine gewisse Einsicht und sitzt an der Macht (zumindest in der Politik), sie muss so klug sein und für die nachfolgenden Generationen Bildungsmöglichkeiten schaffen, wie es sie derzeit nicht gibt: Pflichtfach Integration beispielsweise. Oder Wahlfach Türkisch, warum nicht? Schüleraustausche fördern, denn eines ist doch immer noch die beste Lektion: die Begegnung der Menschen.

Die Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen soll wenn es nach der AfD geht weggekürzt werden. Dieser Satz steht für alles, was falsch läuft.

Bildung ist der Schlüssel. Hoffentlich.

Aber statt positiv Einfluß zu nehmen auf die Einwanderung und sich en passant mit den ach so drängenden Themen wie dem Islam und dem Patriotismus auseinanderzusetzen spielen wir auf Zeit. Dieses Spiel ist hochgefährlich. Ich will es nicht mitspielen.

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Anhang: